Meißner Fußball-Geschichte 1908-1964



Der Ball darf nur mit den Füßen getreten werden, und die Füße dürfen nur nach dem Ball treten. Mit den Händen darf weder der Gegner festgehalten, noch der Ball berührt werden.
Die Festlegung dieser Regeln durch Studenten der Universität Cambridge in England 1846 war die Geburtsstunde des heutigen Fußballspiels, das weltverbreitetste und beliebteste aller Mannschaftsspiele.
Mit den Fuß-Regeln wurden dem bisher zügellosem Raufspiel Grenzen gesetzt, vorher hatte jede Ortschaft auf der britischen Insel eigene Regeln. Diesbezüglich einig waren sich nun die Studenten der Schulen in Cambridge, Eton, Westminster und Harrow. Nur die Studenten in Rugby waren anderer Meinung, sie wollten nach wie vor mit Händen und Füßen spielen.

Am Ende des 19.Jahrhunderts lebten in den meisten größeren Städten Europas einige Engländer, die nicht auf ihr gewohntes Fußballspiel verzichten wollten. Zum Beispiel schlossen sich in Dresden lebende fußballspielende Engländer zu einem "Klub" zusammen, um ihr Spiel zu pflegen. Dieser Klub war sogar in Prag und Wien wohlbekannt und gelitten. Anfang 1893 entstand mit dem "Dresdner Fußball-Klub" der erste deutsche Wettbewerber für die genannten Engländer in Dresden. Und so ging es weiter, immer mehr deutsche Fußball-Klubs entstanden in Dresden und in anderen Städten. Der englische Sport war attraktiv, anziehend und nachahmenswert. Einige der frühen deutschen Fußballvereine, so in Berlin und Leipzig, nannten sich sogar "Britannia". Und die neuen konterten dann mit dem Namen "Germania".

Ein kleines Problem gab es mit der Organisation. In die seit Jahrzehnten bestehenden Strukturen der "Deutschen Turnerschaft" paßte der Fußball vorerst nicht hinein. War das nun Körperertüchtigungs-Turnen oder Kampf-Sport? Viele lehnten den neuen Sport (auch das Wort "Sport" war neu) als fremdländisch und wegen des ausgeprägten Wettkampf- und Rekordstrebens ab. So bildeten sich eigene Vereine und Verbände.

Eine in diesem Zusammenhang nachdenkenswerte Bemerkung stammt von Georg P. Blaschke, Geschäftsführender Vorsitzender des DFB, 1925:
"... die einfachen Ballspiele jener (früheren) Zeit genügten der stets kampffrohen deutschen Jugend nicht. Ein Spiel, das fest in ihrem Herzen sitzen soll, muß ihr Sehnen nach Kampf restlos erfüllen ... Sie schuf sich das große Spiel unseres Volkes, das packendste und wertvollste aller Kampfspiele: Das Fußballspiel."


In Meißen ging die Initiative zur Gründung einer Fußballmannschaft von einem Herrn Alfred Hamisch aus. Er war kaufmännischer Angestellter bei A.Kuhnert & Co. (Turbowerk), war aus beruflichen Gründen von Dresden nach Meißen gezogen und er war Fußballanhänger.

Am Donnerstag, 15.10.1908, erfolgte die Gründung des "Fußballclub Meißen 08" im Restaurant Schlachthof, Poststraße 12. [1]

Am 13.12.1909 wurde im Restaurant Birnbaum, Theaterplatz 8 /Ecke Baderberg, der Beschluß zur Vereinigung des "Fußballclub Meissen 08" mit dem "Athletenklub Germania" Meißen unter dem Namen "Meißner Sportverein 08" gefaßt (MSV 08).

Die Fußballer des MSV 08 spielten auf dem Platz hinter der Jahn-Turnhalle, dann am Riesenstein, auf dem Schützenplatz [2], auf der Ziegelwiese [3], und ab 1923 auf eigenem Platz am Heiligen Grund.



Am 08.02.1911 wurde in Meißen ein zweiter Fußballverein gegründet, Sportverein Guts Muts Meißen.

In den Adreßbüchern der 1920er Jahre steht die Bezeichnung "Sportverein Guts Muts von 1911" Meißen, so als würde das "von 1911" mit zum Namen gehören.

Eigentlich sollte man den Name mit th erwarten, Guts Muths. Viele Vereine, die es in Deutschland gegeben hat, waren benannt nach Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839). Herr GutsMuths wirkte in Schnepfenthal /Thüringen (heute zu Waltershausen) als Pädagog und Mitbegründer der Turnkunst. Durch die deutsche Rechtschreibereform vom 01.01.1903 wurde vielfach das th auf t verkürzt. Das kann nicht für Personennamen gelten, aber vielleicht für Vereinsnamen.



Die Fußballvereine MSV 08 und Guts Muts Meißen sind dem Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine (VMBV) Leipzig beigetreten, sie gehörten zu dessen Gau Ostsachsen mit Sitz in Dresden.

Der VMBV war einer der sieben großen Verbände im "Deutschen Fußballbund" (DFB), der im gesamten Reich die Spiele um den Deutschen Meister organisierte.



Nach dem Weltkrieg 1914-1918, mit vielen Verlusten, bauten sich die beiden Vereine wieder auf.

Es kam in den 1920er Jahren noch ein dritter Fußballverein hinzu, der Arbeitersportverein Meißen (ASV).
Die Neu-Gründungen im Arbeitersport hängen zusammen mit der Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages ab 1919 (nun auch für Arbeiter zeitlich bessere Möglichkeiten für Sport) und der damaligen sozialdemokratischen Regierung von Deutschland.

Die anderen Fußballer von Meißen bezeichneten die Fußballer des ASV als "Die Freien". Das mag wohl so gemeint sein, daß sie frei waren vom Liga-Spielsystem des DFB. Aber auch der ASV Meißen gehörte zu einer übergeordneten Organisation, dem Arbeiterturn-und-Sportbund (ATSB). Der ATSB führte in seiner Sparte Fußball auch deutschlandweite Wettkämpfe um eine Fußballmeisterschaft durch.



In den 1920er/30er Jahren gelang es jedem der drei Meißner Fußball-Vereine, sich einen eigenen Fußballplatz zu schaffen. Vorher spielten alle drei auf den städtischen Plätzen Schützenplatz [2] und Ziegelwiese [3].



MSV zum 20jährigen Jubiläum       Bildtafel, Meißen 1928

beginnend oben, v.l.n.r.

Arno Starke, Arndt Herzog, Erich Lange, Kurt Postel, Herbert Kreisch;
Herbert Jähnichen, Hans Großmann, Rudolf Hendel;
Karl Keller;
Paul Leupolt, Karl Richter, Karl Köhler;
Paul Stephan, Rudolf Richter, Rudolf Hunger, Erich Plagens, Kurt Böttcher;

Dem M.S.V. 1908 e.V. zum 20jährigen Jubiläum gewidmet von seiner Liga.


Ein bekanntes Ereignis in der Meißner Fußball-Geschichte ist das Geschehen um Willi Ascherl.
Der MSV 08 holte 1928 einen der besten Fußballer Deutschlands nach Meißen. Von der damals spielstärksten deutschen Mannschaft, Spielvereinigung Fürth, wurde Willi Ascherl abgeworben, 26 Jahre alt. Ascherl hatte auch schon in der deutschen Nationalmannschaft gespielt und in vielen Auslandsspielen von Fürth, er war der "Internationale". Dem gelernten Kaufmann wurde hier in Meißen eine Existenz angeboten. Er hat in Fürth noch geheiratet (Anny Kriegbaum) und zog im November 1928 mit seiner Frau nach Meißen. Er betrieb ein Tabakwarengeschäft auf der Neugasse 57 (alte Numerierung) und sie wohnten erst am Tonberg, dann Gartenstraße 27 (Eckhaus zur Großenhainer Straße, damals Bäckerei). Willi Ascherl holte auch noch zwei andere Fürther Spieler nach Meißen, Emil Gugel und Willy Queitsch. Ascherl trat dem MSV 08 bei, durfte jedoch noch nicht spielen. Der Fußballverband verweigerte die Freigabe wegen Verdacht auf Spieler-Ziehung und Verletzung des Amateurstatus. Er war als Trainer der I. Mannschaft des MSV tätig und durfte erst ab Juni 1929 selbst in Punktspielen mitspielen. Fünf Spiele hat Willi Ascherl für den MSV 08 absolviert.
Ganz Meißen blickte mit froher Zuversicht auf die kommende Spielzeit. Die Meißner schwuren auf ihren Ascherl, der berufen schien, den Fußballsport in der Domstadt auf eine bisher noch nie erreichte Höhe zu bringen.
Leider machte ein grausames Schicksal alle Hoffnungen zunichte. Willi Ascherl starb am 08.08.1929 im Meißner Stadt-Krankenhaus zehn Tage nach einem erfolglosen Operationsversuch wegen Darmriß.
Am 11.08.1929 fand die Trauerfeierlichkeit im Krematorium Dresden-Tolkewitz statt. (Meißen hatte damals noch kein Krematorium, keinen Ort für die zu erwartende Menschenmenge). Es kamen etwa tausend Personen. An der Bahre standen neben den Angehörigen und Verbands-Vertretern die vollständig angetretene Fußballmannschaft der "Spielvereinigung Fürth", Deutscher Meister 1929, sowie sämtliche Mannschaften des "Meißner Sportverein 1908" in Sportkleidung. Alle lokalen Zeitungen und die deutschlandweiten Sport- und Fußballzeitungen berichteten.
Die Anwesenheit der deutschen Meister-Mannschaft SpVgg Fürth am Tag von Ascherls Beisetzung in Dresden hat der Zufall so gefügt, daß sie gerade am 11.08.1929 gegen GutsMuts Dresden in Dresden zu spielen hatten. Nachdem sie am Vormittag zur Beisetzung waren, traten sie am Nachmittag dieses Sonntages mit Trauerflor am Arm und mit hängenden Köpfen zum Spiel an. In der ersten Halbzeit unterbrach der Schiedsrichter das Spiel für ein Ascherl-Gedenken, regungslos verharrten alle Spieler auf ihren Plätzen, vollkommene Ruhe auch von den 16000 Zuschauern, kein Ton unterbrach die tiefe Stille, die schwer über dem grünen Rasen lag an diesem herrlichem Sommertag.
Auch Spiele auf anderen Fußballplätzen wurden mit einer Trauerpause unterbrochen.

Die Fußballpresse der damaligen Zeit beschrieb Willi Ascherl als kleinen, stämmigen und wieselflinken Spieler ... unerschöpflich, ideenreich, verblüffend sein Tricksrepertoire, faszinierend sein Täuschungsvermögen, stahlhart, scharf, gezielt seine überraschenden Schüsse aus vollem Lauf, unermüdlich, unbezwingbar sein Kampfeseifer und stets fair und ritterlich seine Kampfesweise ...

Heutzutage findet man auf einigen Web-Seiten den Name mit y geschrieben, Willy Ascherl. In allen Darstellungen aus dem Jahr 1929, auch in der Trauer-Anzeige von seiner Frau und seinen Eltern, wurde Willi mit i geschrieben.



In Meißen wurde 1922 in der Zaschendorfer Kaserne die Landespolizeischule Sachsen eingerichtet.

Die Polizeischüler hatten sportlich zu sein, sie bauten 1930 einen Sportplatz, schräg gegenüber der Schuhfabrik Hermann-Grafe-Straße. Sicher haben sie dort auch Fußball gespielt. Mitte der 1940er Jahre haben dort sogar französische Kriegsgefangene Fußball gespielt. Der Platz wurde noch in den 1950er Jahren als Fußballplatz genutzt (BSG Fortschritt Meißen-Ost).

Auf einem Teil des ehem. Fußballplatzes stand in den 1970/80er Jahren eine Traglufthalle und Anfang der 1990er Jahre ein sogenanntes Disko-Zelt. Damals waren noch Reste der Aschenbahn, die einst den Fußballplatz umgab, erkennbar. Mitte der 1990er Jahre wurde hier Baufreiheit geschaffen und alle Fußballplatz-Spuren beseitigt. Gebaut wurde aber nichts.



Auch die Sportfreunde von der Reichsbahn spielten Fußball. In Meißen gab es die Reichsbahn SG mit eigenem Fußballplatz. Ab wann es den Verein und den Platz gab, ist mir nicht bekannt. Manche Meißner Alt-Fußballer sagen, dies sei 1933/34 nach dem ASV-Verbot eingerichtet worden.

Der Fußballplatz, der sogenannte Lok-Platz, befand sich am Steinweg hinter der Bahn, am Lokschuppen. Bis in die 1960/70er Jahre gab es auch einen Durchgang von der Niederauer Straße / Luisenstraße aus. Der ist dann durch das Kabelwerk gesperrt worden.

Sicher ist, daß dort noch 1968 Fußball gespielt wurde, im Rahmen der Betriebsmeisterschaften der Turbowerke. Der Platz war für einen "normgerechten" Fußballplatz zu klein, Umkleidemöglichkeiten und sanitäre Anlagen mangelhaft, es gab nur vier alte Eisenbahnwaggons als Baracken.

Der Lokplatz wurde mit der Errichtung des "Heizwerkes Steinweg" in den 1980er Jahren beseitigt. Heute steht auf dem ehem. Fußballplatz ein großer Brennstoffbehälter vom Heizkraftwerk.



Die Nazizeit brachte Veränderungen im Meißner Fußballgeschehen.

Gleich nach Machtübernahme 1933 wurde in wildem Haß auf die Arbeiter und ihre Organisationen der ASV verboten.

Dann zwangen die Nazis die beiden bürgerlichen Fußballvereine von Meißen zu einer Vereinigung. Diese wurde vollzogen am 07.10.1933: Zum 25.Stiftungsfest im "Hamburger Hof" vereinigte sich der MSV 08 mit Guts Muts Meißen zum MBV 08 (Meißner Ballspielverein).

Die überorganisation wechselte.
Die Meißner Fußballer waren im Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine (VMBV), und damit im Deutschen Fußballbund (DFB), der wiederum gehörte zum Deutschen Reichsausschuß für Leibesübungen (DRA). 1933 wurde der DRA zum DRL, Deutscher Reichsbund für Leibesübungen (Reichssportführer Hans v.Tschammer und Osten). Bis 1934 wurden sämtliche bürgerlichen Fußballvereine dem Fußball-Fachamt im DRL untergeordnet und damit war 1934 der Deutsche Fußball-Bund liquidiert. 1938 wurde der DRL umgewandelt in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL). Das wurde nach dem Zusammenbruch 1945 allen Sportvereinen zum Verhängnis. Sie wurden als Nazi-Organisation verboten.

Der Wechsel der überorganisation brachte für die Vereine jeweils neue Vereinssatzungen, Einheitssatzung. Jüdische Mitglieder waren auszuschließen, der Sportgruß war nun ein dreifaches "Sieg Heil", und es wurde das Führerprinzip durchgesetzt, so hieß der Vereinsvorsitzende ab 1934 nicht mehr "Vorsitzender", sondern "Vereinsführer", und ab 1938 "Gemeinschaftsführer", da war auch noch das Wort "Verein" unerwünscht.

Etwas Seltsames war der Dietwart. In den Sport-Gemeinschaften Deutschlands wurden Tausende sogenannter "Dietwarte" eingesetzt (von althochdeutsch diot = Volk), die meist NSDAP-Mitglieder waren und in besonderen Schulungslagern unterwiesen wurden.



Fußball 1945,
viele waren tot oder gefangen,
alle Vereine waren von den Besatzungsmächten verboten.
Vereinstätigkeit galt als typisch deutsch, Sport hatte den Anruch der Wehrertüchtigung und außerdem waren die Fußballvereine seit 1938 im NSRL und galten damit als nationalsozialistisch.

So waren die ersten offiziellen Fußballspiele nach 1945 anders organisiert, bei der Stadt Meißen. Es gab die Antifaschistische Turn- und Sport-Gemeinschaft Meißen (ATSG). Die wurde dann umbenannt in Zentrale Sportgemeinschaft Meißen (ZSG), 1945/46.



1947/48 bekam ZSG Meißen die Gelegenheit, in die neugebildete Ostzonen-Liga zu kommen, verlor aber ein Ausscheidungsspiel gegen Horch Zwickau in Chemnitz 1:2. So blieben die Meißner in der Landesliga Sachsen und lieferten auf der Jugendwiese (Ziegelwiese) [3] viele spannende Spiele.

Die nächste verpaßte Chance:
Nach Gründung der DDR 1949 wurde der Fußball umstrukturiert. Ein freier Platz für die 1.DDR-Liga wurde in Döbeln zwischen Meißen und der BSG "Erich Zeigner" Leipzig ausgespielt. Da man die Leipziger eine Woche zuvor in einem Pokalspiel mit 3:0 besiegt hatte, reisten 2000 Schlachtenbummler mit einem Sonderzug erwartungsvoll von Meißen nach Döbeln und wurden enttäuscht: Halbzeitstand noch 0:0, am Ende jedoch 0:5.



Etwa 1948 wurde eine neue Organisationsform für Fußballmannschaften gefunden. Die Fußballer wurden einem Betrieb angeschlossen und nannten sich Betriebssportgemeinschaft, BSG.

Die BSGen sollten ihre besten Spieler in die ZSG delegieren. Das ist aber dann anders gekommen, denn in der folgenden Zeit erfolgte die Auflösung der ZSG Meißen in die BSG Chemie Meißen.

Erst hatten die BSGen meist noch lokal-bezogenene Namen.
In Meißen gab es zum Beispiel Fußballmannschaften von folgenden Betriebssportgemeinschaften: BSG Keramik Meißen (Plattenwerke), BSG Bastfaser Meißen (Jutespinnerei), BSG Porzellan Meißen (Porzellanmanufaktur), BSG Flügelrad Meißen (Reichsbahn), BSG KWU Meißen (Kommunalwirtschaftsunternehmen).

Umgestaltungen im Liga-System gab es mit der Gründung der DDR 1949 (DDR-Liga statt Ostzonen-Liga) und mit der Auflösung der Länder 1952 (Bezirksliga statt Landesliga).

Die Organisation von Kultur und Sport in den Betrieben wurde zu einer Aufgabe der Gewerkschaft. Mit Bildung der Industriegewerkschaften (IG) im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) 1950 wurden zentrale Sportverbände geschaffen. Diese waren jeweils einer Industriegewerkschaft angegliedert.

Die Fußballmannschaft BSG eines Betriebes bekam nun einen zentral festgelegten Namen, zum Beispiel Chemie, Aufbau, Fortschritt, Motor, Empor, je nachdem welcher Industriegewerkschaft der Trägerbetrieb angehörte. Auch die Symbole waren landesweit gleich.

Nach diesem Schema gab es in Meißen Mitte der 1950er Jahre folgende Fußballmannschaften:

BSG Chemie Meißen (Plattenwerke)
BSG Fortschritt Meißen-West (Jutespinnerei)
BSG Fortschritt Meißen-Ost (Schuhfabrik)
BSG Motor Meißen (Turbowerk)
BSG Motor Kabelwerk Meißen
BSG Lokomotive Meißen (Reichsbahn)
FSG Motor Meißen (Fachschulsportgemeinschaft, Ingenieurschule)
SG Dynamo Meißen (Deutsche Volkspolizei)

In dieser Zeit gab es im Fußballgeschehen von Meißen die größte Vielfalt aller Zeiten. Es waren immer massenhaft Zuschauer da. Da es so viele Fußballmannschaften in Meißen gab, wurde auch um einen Stadtpokal gekämpft. Dafür hier ein Beispiel: Beim Endspiel um den Meißner Stadtpokal am 21.08.1954 auf dem Juteplan [3] spielte Motor Kabelwerk gegen Dynamo Meißen 2:1. Der Stadtpokal ging damit für ein Jahr an Motor Kabelwerk.
Mindestens bis 1963 gab es das mit dem Stadtpokal.



Nach dem Krieg hatten sich neue über-Organisationen für Fußball gebildet. Kurz zusammengefaßt läßt sich das wie folgt beschreiben:

1948 wurde in Berlin der Deutsche Sportausschuß gegründet, höchstes Organ der Demokratischen Sportbewegung (DS). Innerhalb der DS gab es erst eine Sparte Fußball (1949), dann einen Fachausschuß Fußball (1950) und schließlich eine Sektion Fußball (1952).

1957 wurde an Stelle der DS der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) gegründet und 1958 als einer von dessen Sportverbänden der Deutsche Fußball-Verband (DFV).



Die Hauptfußballmannschaft von Meißen war die BSG Chemie Meißen mit dem Trägerbetrieb Plattenwerke, dem größten Betrieb von Meißen.

Am 10.03.1955
erfolgte die Umbenennung der Fußballmannschaft BSG Chemie Meißen in BSG Aufbau Meißen,
letztes Spiel als BSG Chemie Meißen am 06.03.1955,
erstes Spiel als BSG Aufbau Meißen am 13.03.1955.
Wahrscheinlich hatte einige Zeit vorher die Gewerkschaftszugehörigkeit der Plattenwerke gewechselt.



1957
Ein Höhepunkt in der Fußballgeschichte von Meißen:
In Auswertung des Spieljahrs 1956/57 stand fest, daß BSG Aufbau Meißen in die II. DDR-Liga aufsteigt. Das war nach Oberliga und I. DDR-Liga die dritthöchste Spielklasse in der Republik. Bis 1960 konnte sich Aufbau Meißen dort halten, dann stiegen sie in die Bezirksliga ab.



Damals gab es an den Spiel-Sonntagen eine Massenbewegung zum Fußballplatz am Heiligen Grund, zu Fuß. Ob Sieg oder Niederlage, nach dem Spiel wollten Spieler und Zuschauer ein Bier trinken.
Die Wirte von einigen Meißner Gaststätten hatten einen Vorteil vom Fußballgeschehen, und das über Jahrzehnte hinweg.
In der einen Richtung vom Stadion aus lag am Wege das Restaurant "Zum Wiesental" mit Freitrinkfläche (Gartenstraße 2, Ecke Zscheilaer Straße), von dort bergauf war das Gasthaus "Altzscheila" (Kurfürstenstraße 31). In der anderen Richtung vom Stadion aus war zu erreichen die "Weintraube" (Hafenstraße 28), der "Niederfährer Hof" (Zscheilaer Straße 22), "Zur Grünen Aue" (Grüne Aue 1), der "Goldene Adler" (Zscheilaer Straße 5) und die "Drei Rosen" (Bahnhofstraße 1).



Außer den bereits genannten Fußballspielplätzen (Jugendwiese [2], Juteplan [3], Am Heiligen Grund, Fabrikstraße, Steinweg vorn, Schuhfabrik, Lokplatz) gibt es noch drei weitere zu erwähnen.

Zuweilen wurde auch auf der Sandbahn (Speedway-Stadion) Fußball gespielt, wahrscheinlich als Ausweichplatz. Diese Sporteinrichtung am Ende der Zaschendorfer Straße wurde 1952 gebaut, ca. 1960 durch eine Aufschüttung ergänzt.

An der Ingenieurschule gab es einen eigenen Fußballplatz. Die Schule wurde 1951 gebaut, der Sportplatz etwas später. Dort spielte die FSG Motor Meißen. Ein großer Teil des Platzes ist heute noch erhalten.

Im Betriebsgelände der Porzellanmanufaktur hat es in den 1950er Jahren einen eigenen Fußballplatz für die dortige BSG gegeben.

(Die Spielplätze für Schulsport sind hier nicht genannt.)



Es gab in den 1950er Jahren viele Freundschaftsspiele gegen westdeutsche Mannschaften. Westdeutschland galt damals noch nicht als Ausland. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind hier einige zusammengestellt:

06.06.1954 BSG Chemie Meißen - SC 05 Frankfurt/Main 0:5
29.06.1954 BSG Chemie Meißen - Phönix Lübeck 4:1
22.08.1954 SV 05 Frankfurt/Main - BSG Chemie Meißen
27.05.1955 TSV Landsberg - BSG Aufbau Meißen AH
27.05.1955 ATSB Bremerhaven - BSG Lok Meißen A-Jugend
29.05.1955 BSG Aufbau Meißen - ASV Heßheim 6:1
30.05.1955 Stadtauswahl Meißen - ASV Heßheim
12.06.1955 BSG Aufbau Meißen - ASV Rehau 3:1
18.09.1955 ASV Heßheim - BSG Aufbau Meißen
13.11.1955 Eisenbahnverein Ludwigshafen - BSG Aufbau Meißen A-Jugend
27.11.1955 BSG Aufbau Meißen - VfL Wolfsburg Amat. 1:0
29.07.1956 BSG Aufbau Meißen - ASV Heßheim 6:1
1956 BSG Fortschritt Meißen-West - TSV Landsberg/Lech 2:2
29.06.1958 ASV Rehau - BSG Aufbau Meißen 1:7
04.06.1960 BSG Aufbau Meißen- VfR Schwenningen 4:2
03.04.1961 BSG Aufbau Meißen - SV Mannheim 07 5:0

Die letzten Fußballspiele der BSG Aufbau Meißen gegen westdeutsche Mannschaften vor dem Mauerbau waren im Mai/Juni 1961 in Schwenningen am Neckar:
31.05.1961 VfR Schwenningen - BSG Aufbau Meißen 8:1
03.06.1961 VfB Gaggenau - BSG Aufbau Meißen 1:3

In der Sächsischen Zeitung vom 01.09.1961 stand der Artikel "Aufbau-Fußballer verurteilen den Beschluß von Düsseldorf", in dem sich die Fußballer von BSG Aufbau Meißen gegen den von Willi Daume in Westdeutschland verkündeten Abbruch der Sportbeziehungen zur DDR wandten.



Weiteres Bemerkenswertes aus der Meißner Fußball-Geschichte:

07.10.1959
Am 10.Republikgeburtstag fand im Stadion am Heiligen Grund das erste Fußballspiel einer Meißner Mannschaft gegen eine ausländische Mannschaft seit 1945 statt. BSG Aufbau Meißen (II.DDR-Liga) spielte gegen Chemika Usti nad Labem (2.Staatsliga der CSR) 1:3.

06.11.1960
Ein schwarzer Tag: An diesem Sonntag verlor BSG Aufbau Meißen im eigenen Stadion gegen BSG Motor Brand-Langenau 0:1. Damit war der Abstieg aus der II.DDR-Liga entschieden.

21.07.1962
Bei einem Freundschafts-Spiel in der Sommer-Pause spielte BSG Aufbau Meißen im Stadion am Heiligen Grund gegen die Nationalmannschaft der DDR 1:17. Das Ehrentor schoß Bäcker Scharsch. In der Nationalmannschaft spielten die bekannten Fußballsportler P.Ducke und R.Ducke mit.

Weitere Spiele gegen ausländische Mannschaften waren
am 01.05.1963 in Meißen gegen SC Bielawianka Bielawa (Polen) 2:3
am 17.06.1963 in Meißen gegen ASV Hurel-Dubois Paris 8:2
am 21.07.1963 in Polen gegen SC Bielawianka Bielawa 2:4
am 22.07.1963 in Polen gegen Polonia Swidnica 2:5



Ein Fußball-Zuschauer (Schlachtenbummler, heute Fan genannt), Herr Werner Fußgänger (+), hat über 10 Jahre hinweg, vom 01.01.1954 bis 31.12.1963, eine genaue Statistik über die Fußballmannschaft BSG Chemie bzw. Aufbau Meißen aufgeschrieben. Demnach spielten sie in dieser Zeit 261 Meisterschaftsspiele und 207 Pokal- und Freundschaftsspiele, insgesamt also 468 Spiele, davon 245 Heimspiele und 223 auswärts. In dieser 10-Jahres-Gesamtwertung wurden 229 Spiele gewonnen, 79 waren unentschieden, 160 verloren. Das Torverhältnis war 1129:911.

Bei 245 Heimspielen in 10 Jahren gab es im Durchschnitt fast jeden zweiten Sonntag ein Spiel hier in Meißen. Und das betrifft nur die 1.Mannschaft.



Zum Gedenken an Grete Ebeling

Grete Ebeling galt als Vereinsmutter der Fußballer von BSG Aufbau Meißen. In den 1950/60er Jahren war sie bei jedem Spiel und bei jeder Veranstaltung, die Fußballmannschaft betreffend, dabei. Sie war sehr temperamentvoll und wurde von allen Aufbau-Fußballern ("ihren Jungs") verehrt. Sie wusch auch die Sportkleidung ihrer Fußball-Mannschaft. Frau Franziska Magarethe Ebeling ist am 05.01.1973 gestorben, 72 Jahre alt.



Turn- und Sportgemeinschaft (TSG)

1964 wurde die Fußballmannschaft BSG Aufbau Meißen umbenannt in TSG Meißen,
das erste Spiel als TSG Meißen war am 30.08.1964.

Mit der Umbenennung waren einige organisatorische Veränderungen verbunden. Ursprünglich gab es eine Begrenzung, daß in einer BSG nur ein bestimmter Anteil von betriebsfremden Personen spielen durfte. So etwas gab es nun nicht mehr. Auch konnten nun mehrere Trägerbetriebe die Fußballmannschaft unterstützen. Zunächst kam zum Plattenwerk das Kfz-Zubehörwerk hinzu, und am 15.12.1967 trat die Sektion Fußball der BSG Motor Meißen (Turbowerk) zur TSG Meißen über.


Zusammenfassung

Meißner Fußballgeschichte, Erster Teil 1908-1964

Es gab ab 1908 den MSV, ab 1911 zusätzlich Guts Muts Meißen, 1933 vereinigt zu MBV, 1945 verboten.
Seit den 1920er Jahren bis 1933 gab es auch den ASV Meißen.

Nach 1945/1950er Jahre entstanden viele Betriebssportgemeinschaften (BSG).
Die Hauptlinie im Fußball war:
ZSG Meißen, ging in die BSG Chemie Meißen über, 1955 umbenannt in BSG Aufbau Meißen, 1964 umbenannt in TSG Meißen.

Chemie-Zeichen Aufbau-Zeichen TSG-Zeichen


Quellen


Anmerkungen

[1]
Im Inseratenteil des Meißner Tageblattes 08.10.1908 stand: "Anhänger des Fußballsportes werden zu einer Besprechung Donnerstag abend 1/2 9 Uhr im Restaurant Schlachthof, Poststraße, gebeten." Der 08.10.1908 war ein Donnerstag, da aber die Zeitungen damals am nächsten Vormittag mit dem Datum des Vortages erschienen, ist wahrscheinlich der nächste Donnerstag 15.10.1908 gemeint.

[2]
Schützenplatz = Juteplan (früher Stadtanger), am Mühlweg hinter der Jutespinnerei

[3]
Ziegelwiese = Jahnwiese = Jugendwiese, hinten an der Siebeneichener Straße


Querverweise

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Meissner Sportverein 08 e.V.
dto.
dto. (Wikipedia)
SV Fortschritt Meissen West 1990 e.V.
Kreisverband Fußball Meißen e.V.



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